Chipkrise: Canon stolpert über eigenen „Kopierschutz“

Der unendliche Kampf zwischen Original und Kompatibel scheint ein neues – überraschendes – Opfer gefunden zu haben. Mit Canon ist offenbar ein Originalhersteller über seinen eigenen Kopierschutz für Tonerkartuschen gestolpert.

Der dient den Originalherstellern in erster Linie dazu, Nutzer von kompatiblen Produkten solange mit Fehlermeldungen zu nerven, bis sie aufgeben und wieder zum viel teureren Original greifen. Der Begriff „Kopierschutz“ erweckt den Eindruck, es gehe dabei um die Verhinderung von Fälschungen. Die Praxis trifft aber auch vollkommen legale, nämlich patentrechtlich einwandfreie Produkte von Drittanbietern, wie beispielsweise G&G. Deshalb ist dieses Vorgehen auch höchst umstritten und wird nur selten von Originalherstellern eingeräumt.

Tonerkartuschen ohne „Kopierschutz“?

Nun aber musste Canon dies offenbar tun. In einem inzwischen viral gegangenen Tweet berichtet Twitter-Nutzer Mario W.: „Verkehrte Welt: dank Halbleitermangel produziert Canon jetzt offenbar Tonerkartuschen ohne „Kopierschutz“ und verschickt Rundmails an Kunden mit Hinweisen wie man Fehlermeldungen zu gefälschten Kartuschen umgeht.“

Hintergrund scheint demnach die akute Beschaffungskrise für Elektronik-Chips zu sein, die die Praxis des sogenannten „Kopierschutzes“ erst möglich machen. Die kleinen Bauteile sagen dem Drucker verschlüsselt, ob es sich bei dem Toner um ein Original handelt – oder eben nicht. Ohne Chips kein Kopierschutz. Hieße dann zugleich aber auch: plötzlich werden auch die Kund*innen, die viel Geld für teure Original-Toner ausgegeben haben, mit Fehlermeldungen genervt. Ärgerlich. Um den Ärger zumindest etwas zu lindern, verschickt Canon nun offenbar Hinweise, wie der Kopierschutz zu umgehen ist. Das wäre letztlich auch eine spannende Information für alle Nutzer*innen von kompatiblen Produkten.

Toner Error Message

Aber: bisher (zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Textes – Samstag, 8.1., 21:30 Uhr) ist die Geschichte nicht offiziell bestätigt. msn.com und futurezone.at haben bereits darüber berichtet. Dort heißt es, Canon habe auch eine spezielle Internetseite eingerichtet, auf der es eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Umgehung des Kopierschutzes gebe. Zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Textes ist die Seite jedoch komplett leer. Dass es ein Problem gibt, darauf deutet zumindest ein eigener Banner auf der Canon Business Product Support Seite hin. Dort wird sehr prominent auf eine „Toner Error Message“ verwiesen – klickt man auf „More Information“ gelangt man allerdings wieder auf die leere Seite. Ob das ein technischer Defekt ist oder ob Canon letztlich doch über die eigene Courage erschrocken ist und die Hinweise wieder offline geschalten hat, ist nur Spekulation.

Update: Offizielle Bestätigung von Canon

UPDATE: Am Sonntagmorgen (9.1.2022) ist die Seite nun erreichbar. Und dort bestätigt Canon nun auch offiziell, dass es ein Problem gibt. Betroffen sind demnach vor allem Verbrauchsmaterialien der Multifunktionsgeräte von Canon. „Um Ihnen eine kontinuierliche und zuverlässige Versorgung mit Verbrauchsmaterial zu gewährleisten, haben wir uns entschieden, Verbrauchsmaterial ohne die Halbleiterkomponente zu liefern, bis die normale Versorgung wieder aufgenommen wird.“

Die Interim-Toner Seite bei Canon ist jetzt online
Die Interim-Toner Seite bei Canon ist jetzt online

Bedeutet nicht nur, dass das Problem existiert. Canon hat sich auch entschlossen, bis auf weiteres Toner ohne Chips zu liefern. Das allerdings hat Folgen: „Die Verwendung von Verbrauchsmaterialien ohne elektronische Komponenten hat zwar keine negativen Auswirkungen auf die Druckqualität, doch können bestimmte Zusatzfunktionen, wie z. B. die Erkennung des Tonerstands, beeinträchtigt werden“, schreibt Canon.

Falscher Button gedrückt? Einfach nochmal neu einsetzen

Ausführlich wird dann beschrieben, wie Nutzer*innen die Fehlermeldungen umgehen können. Kurz zusammengefasst: indem man sie ignoriert. Hilfreicher Hinweis von Canon auch für Verwender*innen von kompatiblen Tonern: sollte man aus Versehen mal den falschen Button auf einer Fehlermeldung gedrückt haben – was meistens dazu führt, dass die Kartusche nicht funktioniert – dann ließe sich das ganz einfach dadurch beheben, dass man die Patrone nochmal neu einsetzt. Und die Fehlermeldung dann ignoriert.

Canon zeigt wie der eigene Kopierschutz umgangen werden kann
Canon zeigt wie der eigene Kopierschutz umgangen werden kann

Das alles verpackt Canon in viele technische Details und tut ein bisschen so, als ginge es nur um die Füllstandsanzeige. In Wahrheit räumt hier erstmals einer der großen Originalhersteller zwar etwas umständlich und verklausuliert, aber doch ganz offiziell ein, dass der Einsatz der Chips in erster Linie dazu dient, unliebsame Wettbewerber auszubremsen. Und vor allem muss Canon zeigen, wie man die Sperre umgehen kann. Ärgerlich. Für Canon.

Wie gesagt: die Praxis des „Kopierschutzes“ ist eigentlich etwas, über das Original-Hersteller lieber den Mantel des Schweigens legen. Da muss schon viel im Argen sein, dass da solche Interna an die Öffentlichkeit gelangen.

Hat HP das gleiche Problem?

Übrigens nutzt nicht nur Canon diese Technik, um Wettbewerber vom Markt fernzuhalten. Vor allem HP fällt damit regelmäßig negativ auf. Bisher ist nicht bekannt, ob die Chipkrise auch bei HP Auswirkungen auf diese Praxis hat. Ein paar Indizien deuten aber zumindest darauf hin. Zuletzt haben vermehrt Kund*innen, die HP-Originalpatronen gekauft hatten, diese bei uns im Laden oder über den Kundenservice reklamiert. Auch diese Patronen wurden plötzlich vom Drucker nicht mehr akzeptiert.

Wenn die Chipkrise bei Canon zu solchen Problemen führt, könnte es HP ähnlich gehen. Das wäre zumindest eine Erklärung für die auffällige Zunahme der Original-Reklamationen. Und das könnte für HP und Co. noch ein großes Problem werden, wenn sich die eigenen Waffen plötzlich gegen sie selbst richten.

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